May 27, 2026
Simon Raiser: Der Mann, der Politik begreifbar macht
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Simon Raiser: Der Mann, der Politik begreifbar macht

May 1, 2026

Er erklärt keine Demokratie — er lässt sie spielen. Simon Raiser, Politologe, Unternehmer und stiller Vordenker der deutschen politischen Bildungslandschaft, hat sich eine Nische geschaffen, die größer ist, als sie von außen wirkt: Wer echte demokratische Teilhabe will, muss sie üben — nicht nur verstehen. Genau darin liegt die Radikalität seines Ansatzes.

Vom Bundestag ins Klassenzimmer — ein ungewöhnlicher Weg

Simon Raiser, 1974 geboren, studierte Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin, einer der renommiertesten Adressen für dieses Fach im deutschsprachigen Raum. Nach seinem Diplom, das er um das Jahr 2000 abschloss, ging er nicht den naheliegenden akademischen Weg — kein Habilitationsprojekt, kein Ordinariat als Fernziel. Stattdessen arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag, wo sein Schwerpunkt in der Entwicklungspolitik lag.

Diese Station ist aufschlussreicher, als sie auf den ersten Blick erscheint. Der Bundestag ist kein Ort für theoretische Schöngeister; wer dort arbeitet, lernt Politik als Praxis kennen — mit Lobbygesprächen, Kompromissrunden und der schwierigen Kunst, Interessen zu moderieren. Raiser absorbierte diese Realitätsnähe. Sie würde seine spätere Arbeit prägen.

Von 2002 bis Ende 2004 kehrte er zurück an die FU Berlin, diesmal als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Koordinator des Forschungsprojekts Global City Regions as Changing Sites of Governance. Das Projekt untersuchte, wie sich globale Metropolregionen als neue Orte politischer und wirtschaftlicher Macht entwickeln — ein hochaktuelles Thema in einer Zeit, in der urbane Zentren zunehmend eigene außenpolitische Agenden formulierten. Raiser lieferte dabei keine bloßen Deskriptionen, sondern entwickelte analytische Perspektiven, die internationale Verhandlungsprozesse in ihrer lokalen Verankerung begreifbar machten.

planpolitik: Wenn Bildung zur Erfahrung wird

2005 war das Schlüsseljahr. Gemeinsam mit seinem langjährigen Weggefährten Björn Warkalla gründete Raiser die planpolitik GbR in Berlin — ein Unternehmen, das man nicht ohne Weiteres in eine Schublade stecken kann. Es ist kein Thinktank. Es ist keine klassische Unternehmensberatung. Und es ist auch kein gewöhnlicher Bildungsdienstleister.

planpolitik ist ein Labor für erlebnisbasiertes politisches Lernen.

Der methodische Kern des Unternehmens sind Planspiele — interaktive Simulationsformate, in denen Teilnehmende politische Rollen übernehmen und reale oder fiktive Entscheidungssituationen durchspielen. Klingt spielerisch, ist aber methodisch anspruchsvoll. Ein Planspiel zum UN-Sicherheitsrat etwa erfordert, dass junge Menschen nicht nur die Charta der Vereinten Nationen kennen, sondern lernen, nationale Interessen zu vertreten, Koalitionen zu schmieden und unter Zeitdruck zu verhandeln. Das erzeugt eine kognitive und emotionale Dichte, die kein Schulbuch replizieren kann.

Bis heute hat planpolitik nach eigenen Angaben mehr als 2.500 Veranstaltungen mit über 100.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern weltweit durchgeführt. Die Liste der Kooperationspartner reicht von deutschen Bundesbehörden über internationale Stiftungen bis hin zu Universitäten auf drei Kontinenten. Das Unternehmen arbeitet auf Deutsch, Englisch und Französisch — eine mehrsprachige Kompetenz, die in der deutschen Bildungslandschaft keineswegs selbstverständlich ist.

Die Methode im Kern: Theorie allein reicht nicht

Was Simon Raiser von vielen Politikdidaktikern unterscheidet, ist sein kompromissloses Beharren auf der Handlungsdimension von Bildung. In einem Beitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung, gemeinsam mit Warkalla und weiteren Co-Autoren verfasst, thematisierte Raiser die Potenziale und Grenzen von Online-Planspielen — einem Format, das planpolitik über die Plattform senaryon.de entwickelte. Die Pilotstudie analysierte, wie digitale Vorverhandlungsphasen mit analogen Präsenztreffen kombiniert werden können, sogenannte Blended-Learning-Ansätze.

Der Befund war eindeutig: Hybride Formate, die Online-Vorbereitung mit physischer Verhandlung kombinieren, führten zu qualitativ besseren Ergebnissen in den Face-to-Face-Phasen. Die Teilnehmenden waren informierter, strategisch vorbereiteter und damit in der Lage, tiefer in Substanzdebatten einzusteigen. Raiser veröffentlichte diese Erkenntnisse auch im wissenschaftlichen Kontext, etwa im Handbuch Planspiele in der politischen Bildung (Wochenschau Verlag) sowie in der Fachzeitschrift Unterricht Wirtschaft + Politik.

Diese Verankerung in der Forschungsliteratur ist kein Zufall. Raiser betreibt keine Bildungsarbeit auf Basis von Intuition oder Markttrends. Er arbeitet empirisch — und das macht seine Methoden robust gegenüber pädagogischen Modeströmungen.

Lehrtätigkeit: Zwischen Hertie School und Paris

Parallel zur Unternehmensarbeit ist Simon Raiser als Gastdozent aktiv. An der Hertie School of Governance in Berlin — einer der renommiertesten Hochschulen für Public Policy im deutschsprachigen Raum — unterrichtete er Themen wie internationale Verhandlungsführung und Konfliktmanagement. Dass eine Institution, die künftige Spitzenbeamte und Politikberater ausbildet, ausgerechnet auf Raisers Simulationsformate zurückgreift, spricht für die Anerkennung seiner Methodik im akademischen Betrieb.

Hinzu kommt die American University of Paris, an der Raiser im Bereich International Relations lehrte. Diese Kombination — Berlin und Paris, Deutsch und Englisch, Praxis und Theorie — zeichnet das intellektuelle Profil eines Mannes, der sich weder in nationalen noch in disziplinären Grenzen einengen lässt.

Warum sein Ansatz heute relevanter ist denn je

In einer Zeit, in der politische Verdrossenheit als strukturelles Problem gilt und der Vertrauensverlust in demokratische Institutionen empirisch messbar zugenommen hat, wirkt Raisers Ansatz wie ein Gegenmodell zum üblichen Reflexbogen: Man diagnostiziert das Problem, ruft nach mehr politischer Bildung in Schulen — und meint damit meistens: mehr Unterricht, mehr Wissen, mehr Erklärung.

Was Raiser und planpolitik dagegen setzen, ist radikal anderes: Nicht mehr Wissen über Demokratie, sondern mehr Erfahrung mit ihr. Der Unterschied ist fundamental. Wissen über Verhandlung macht niemanden zum besseren Verhandler. Wer aber dreimal in einer Simulation unter Druck gesetzt wurde, die eigene Position zu verteidigen, lernt etwas, das kein Lehrplan abbilden kann — demokratische Handlungsfähigkeit als Körpergedächtnis.

Diese Einsicht, die in der angelsächsischen politischen Bildungspraxis unter dem Begriff experiential learning längst kanonisiert ist, bleibt in Deutschland strukturell unterrepräsentiert. Das liegt nicht an mangelnder Einsicht, sondern an institutionellen Trägheitsmomenten: Stundenplanung, Prüfungslogiken und Lehrpläne begünstigen frontale Wissensvermittlung. Planspiele sind störend, zeitintensiv, schwer standardisierbar. Genau deshalb braucht es Akteure wie Raiser, die dieses Format außerhalb des Regelbetriebs etablieren und es dann von innen in die Strukturen hineintragen.

Privat: Der Mensch hinter dem Politologen

Simon Raiser ist seit 2010 mit der Schauspielerin Tanja Wedhorn verheiratet, die einem breiten Fernsehpublikum vor allem durch Produktionen wie Bianca – Wege zum Glück oder Reiff für die Insel bekannt ist. Die beiden lernten sich bereits während ihrer Schulzeit kennen — in einer Theater-AG, was angesichts von Raisers späterer Arbeit mit Rollen, Szenarien und Bühnen fast wie ein früher Fingerzeig wirkt. Die kirchliche Hochzeit fand in Halle an der Saale statt und wurde von Raisers Vater durchgeführt.

Das Paar hat zwei Söhne — Theo, geboren 2007, und Joschka, geboren 2011 — und lebt in Berlin-Neukölln. Raiser gibt kaum Interviews, tritt nicht in Talkshows auf und nutzt soziale Medien zurückhaltend. Dieses Muster der bewussten Zurückgezogenheit passt zu einem Mann, dem die Substanz seiner Arbeit wichtiger ist als ihre öffentliche Sichtbarkeit.

FAQ: Die wichtigsten Fragen zu Simon Raiser

Wer ist Simon Raiser und womit beschäftigt er sich beruflich? Simon Raiser ist ein deutscher Politikwissenschaftler und Mitgründer der Berliner planpolitik GbR. Er entwickelt und leitet interaktive politische Bildungsformate — vor allem Planspiele und Simulationen zu internationalen Themen — und ist als Gastdozent an der Hertie School Berlin sowie der American University of Paris tätig.

Was ist planpolitik und was macht das Unternehmen konkret? planpolitik ist ein 2005 gegründetes Berliner Unternehmen für politische Bildung, das Planspiele, Workshops, Seminare und Trainings zu politischen, wirtschaftlichen und sozialen Themen konzipiert und durchführt. Das Unternehmen hat bislang mehr als 2.500 Veranstaltungen mit über 100.000 Teilnehmenden weltweit organisiert.

Warum gelten Planspiele als effektive Methode in der politischen Bildung? Planspiele erzeugen politisches Erfahrungswissen, das abstrakte Wissensvermittlung nicht replizieren kann. Teilnehmende übernehmen Rollen, verhandeln, schließen Kompromisse und erleben die Mechanik demokratischer Entscheidungsprozesse am eigenen Leib. Forschung zeigt, dass insbesondere Hybridformate — die Online-Vorbereitung mit Präsenzverhandlung verbinden — zu qualitativ besseren Lernergebnissen führen.

Wie ist Simon Raiser mit Tanja Wedhorn verbunden? Simon Raiser ist seit 2010 mit der deutschen Schauspielerin Tanja Wedhorn verheiratet. Die beiden lernten sich bereits als Schüler kennen. Das Paar hat zwei Söhne und lebt in Berlin-Neukölln; beide legen großen Wert auf ein privates Familienleben.

Welche wissenschaftlichen Beiträge hat Simon Raiser geleistet? Raiser hat mehrere Fachbeiträge zur Methodik von Planspielen veröffentlicht, unter anderem im Handbuch Planspiele in der politischen Bildung (Wochenschau Verlag), im Handbuch Planspiele in der sozialwissenschaftlichen Hochschullehre sowie in einer Pilotstudie zu Online-Planspielen für die Bundeszentrale für politische Bildung. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Verbindung von digitalen und analogen Lernformaten.

Fazit

Simon Raiser ist kein Wissenschaftler im elfenbeinernen Turm und kein Bildungsunternehmer, der auf Trends reitet. Er ist ein Praktiker mit akademischer Tiefe — jemand, der früh begriffen hat, dass politische Bildung ihre Wirksamkeit nur dann entfaltet, wenn sie ins Erleben führt. In einer Zeit, in der Demokratien sich zunehmend um ihre eigene Zukunft sorgen, ist das keine marginale Nischenarbeit. Es ist Grundlagenforschung in Echtzeit.

Aktuelle Blogbeiträge: Carola Schubert

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